Erkundungen des Ungewohnten

Empirisches Forschen in außergewöhnlichen Kontexten

Sozialwissenschaftliche Tagung an der Universität Passau

Organisiert von Thorsten Benkel und Matthias Meitzler

Das Kennwort lautet: HAL9000

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Über die Online-Tagung

Soziologische Forschung im ›Feld‹ ist am ergiebigsten, schreibt Pierre Bourdieu, wenn sie dort stattfindet, wo man sich gerade nicht wie ein Fisch im Wasser bewegt. Das Fremde und Irritierende, aber gleichwohl gesellschaftlich Wirkliche mag Forscher*innen unvertraut sein, gerade dies aber wirft die Frage nach den Rahmenbedingungen solcher Etikettierungen wie Fremdheit und Vertrautheit auf. Im Rahmen dieser Online-Tagung werden Schlaglichter auf gesellschaftliche Bereiche gelegt, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, und es wird in theoretischer wie methodologischer Hinsicht reflektiert, welche Zuschreibungen, Zugänge, Erwartungen, Hindernisse, normative Konstruktionen usw. bei der sozialwissenschaftlichen Erforschung des (vermeintlich?) Ungewohnten auftreten.

Programm

Freitag, 11. Juni 2021

Eröffnung:

13:15     Begrüßung

13:25     Thorsten Benkel  (Passau)                         
Wissen vom Verborgenen. Rahmenbedingungen soziologischer Erkenntnissuche ›outside the box‹

13:55     Matthias Meitzler  (Passau)                      
Ungewöhnliches (Er-)Forschen. Über die Subjektivität des Beobachters und die Grenzen der Zumutbarkeit

Panel 1:

14:25     Michael Ernst-Heidenreich  (Koblenz)
Die Irritation des Selbstverständlichen erforschen. Einige methodische
Implikationen einer prozessualen Soziologie situativer Nichtalltäglichkeit

Pause 14:55 – 15:10

15:10     Melanie Pierburg  (Hildesheim)               
Autoethnografie. Das ungewohnte Selbst fordert die Wissenschaft heraus

15:40     Nora Sophie Schröder  (Augsburg)         
Situatives Scheitern und sein verborgenes Potenzial bei der Feldforschung.
Für eine radikalere Reflexivität in qualitativer empirischer Forschung

16:10     Christoph Nienhaus  (Bonn)                      
Normalisierungsethnografie. Zur juristischen Konstruktion gewöhnlicher Erwartungen

16:40     Judith Cornelia Huber / Nadine Müller (Jena)                               
Vorbereitungen auf das Ungewohnte. Empirisches Forschen zu Covid-19  

Pause 17:10 – 17:25

17:25     KEYNOTE: Manfred Prisching  (Graz)                          
Gewöhnliches und Ungewöhnliches. Zur Soziologie der Irritation

Samstag, 12. Juni 2021

Panel 2:

10:00     Ingmar Mundt  (Passau)                             
Die Zukunft und das Ungewohnte. Ein methodenorientierter Forschungsbericht zur Konstruktion der Zukunft in der Lebensgeschichtlichkeit junger Erwachsener

10:30     Frank-Holger Acker  (Hannover)             
Zwischen Theorie und Praxis. Die Arbeit der Polizei aus Sicht von Organisationsneulingen

11:00     Julia Sellig  (Passau)                                     
Multiple Realität als das Gewohnte. Diabetiker*innen und Medizintechnik

11:30     Ekkehard Coenen  (Weimar)                     
(Außer-)Gewöhnliche Bilder der Gewalt                                     

Pause 12:00 – 12:30

Panel 3:

12:30     Christian Thiel  (Augsburg)                        
Erfundene Wirklichkeiten. Empirisches Forschen in Täuschungskontexten

13:00     Leonie Schmickler  (Passau)                      
Das Hymen der Gesellschaft. Recherchen zur sozialen Relevanz der
Genitalchirurgie

13:30     Teresa Geisler  (Berlin)                               
Chemsex – Sondierungen des diskursiven Areals

14:00     Andreas Ziemann  (Weimar)                     
Die Steuerfahndung im Bordell. Ethnografische Erkundungen unbekannter
Handlungen, Maßnahmen und Selbstbeschreibungen einer teilautonomen 
Vollzugsbehörde

Die Soziologie ist gekennzeichnet von der systematischen Selbstbeauftragung, das Unhinterfragte zu hinterfragen. Diese Irritations- und Befremdungsarbeit betrifft im besten, weil effektivsten Fall nicht nur Forschungsrezipienten, sondern auch die Forschenden selbst. Denn das Vertraute entpuppt sich am besten im Lichte einer artifiziellen Distanz als etwas, das überhaupt erst als ›vertraut‹ begriffen und thematisiert werden kann. Obwohl das ›Feld‹ vermeintlich mit der Beschreibung des Feldes zusammenfällt, besteht zwischen analytisch-systematischen bzw. berufsreflexiven Alltagsdeutungen und dem routinierten Durchleben von Alltäglichkeit bekanntlich eine große Diskrepanz.    

In methodologischer Hinsicht stellt sich (nicht nur) in der Soziologie immer schon die Frage nach der Bestimmung tatsächlicher Unvertrautheit – ganz zu schweigen von der Frage nach den Instrumenten, die diese Unvertrautheit herbeiführen können. Nicht alles, was unerforscht und auf den ersten Blick bemerkenswert erscheint, rechtfertigt umfangreiche Recherchearbeit; umgekehrt sind die Themenfelder zahlreich, die trotz bereits erfolgter akribischer Durchleuchtungen nach wie vor ertragreich sind. Wie lässt sich also der Grad an Unerforschtheit bestimmen, der fruchtbar, innovativ, aber auch anschlussfähig und, sagen wir: ›realistisch‹ genug ist, um die Mühen sozialwissenschaftlicher Nachforschung zu rechtfertigen? Und wie lässt sich überhaupt bestimmen, wie sich dies bestimmen lässt?

Zu reflektieren ist außerdem, von welcher Beobachtungsposition aus sich das Etikett der Ungewohntheit zuweisen lässt und für welchen Adressatenkreis eine solche Zuschreibung Verbindlichkeit zu generieren vermag? Schließlich sind empirische Forschungen unter speziellen Populationen von dem Umstand geprägt, dass die Akteure des Feldes mit der Binnennormativität ihres Handlungsraums per se wesentlich vertrauter sind, als es neugierige Sozialforscherinnen und Sozialforscher auch nach einiger Gewöhnung sein können.

Anders verhält es sich bei der Anwendung autoethnografischer Forschungsstrategien. Hier wird das Vertraute gezielt unvertraut gemacht, mit der Folge, dass neue Figurationen von Ungewohntheit entstehen: Im Lichte der Ethnografie treten Aspekte aus dem Schatten der Nichtbeachtung, die schon zuvor präsent, in ihrer Erforschbarkeit aber schlichtweg nicht identifizierbar waren. Die Normativität der Grenzziehung zwischen gewöhnlich und ungewöhnlich obliegt in solchen Fällen nicht selten der Bestimmung durch das forschende Subjekt, sie muss jedoch trotzdem als intersubjektiv nachvollziehbarer Wissensbestand kommuniziert (bzw. publiziert) werden.

Wenn Sie Fragen zur Online-Tagung haben, können Sie sich
per E-Mail an Dr. Thorsten Benkel wenden.

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